Deutschland in den 1970er Jahren – Ein Jahrzehnt des Wandels
Die 1970er Jahre waren für Deutschland (BRD und DDR) eine Zeit tiefgreifender Veränderungen. International standen die Zeichen auf Entspannung im Kalten Krieg, während im Inneren der Bundesrepublik gesellschaftliche Bewegungen und politische Krisen das Jahrzehnt prägten. Es war eine Zeit der Widersprüche: Wirtschaftswachstum und Ölkrise, Liberalisierung und Terrorismus.
Die Ölkrise 1973 – Schock für die Wirtschaft
Im Oktober 1973 löste das Ölembargo der OPEC-Staaten im Zuge des Jom-Kippur-Krieges eine weltweite Wirtschaftskrise aus. In der Bundesrepublik wurden zeitweise autofreie Sonntage angeordnet – ein Novum für das auf das Automobil fixierte Nachkriegsdeutschland. Die Bilder leerer Autobahnen, auf denen Menschen zu Fuß oder mit dem Fahrrad spazieren, sind bis heute ikonisch.
- Vier autofreie Sonntage im November und Dezember 1973
- Einführung von Tempo-100-Limits auf Autobahnen
- Anstoß zur Energiediskussion und ersten Überlegungen zur Atomenergie
Der Deutsche Herbst 1977 – Staatskrise durch Terror
Die Rote Armee Fraktion (RAF) unter Führung von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und anderen brachte die Bundesrepublik 1977 an den Rand einer Staatskrise. Mit der Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer und der Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut" erreichte der Terrorismus einen dramatischen Höhepunkt. Die Befreiung der Geiseln in Mogadischu durch die GSG-9 gilt als Wendepunkt.
Willy Brandt und die Neue Ostpolitik
Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) leitete mit seiner Ostpolitik einen historischen Kurswechsel ein. Der Warschauer Kniefall am Mahnmal des Warschauer Ghettos im Dezember 1970 wurde zum Symbol der deutschen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. Mit dem Grundlagenvertrag 1972 erkannte die BRD die DDR faktisch an und ermöglichte damit mehr menschliche Kontakte zwischen Ost und West.
Gesellschaftlicher Wandel – Die neue Bundesrepublik
Die Siebziger waren auch das Jahrzehnt der gesellschaftlichen Liberalisierung. Die Frauenbewegung gewann an Stärke, die Studentenbewegung der 68er hatte ihre Früchte getragen, und neue Lebensmodelle wurden gesellschaftsfähig:
- Reform des Familienrechts (1977): Gleichberechtigung in der Ehe verankert
- Strafrechtsreform: Liberalisierung bei § 218 (Abtreibung)
- Wachsendes Umweltbewusstsein und erste Bürgerinitiativen
- Entstehung der Grünen Bewegung als politische Kraft
Die DDR in den 70ern
In der DDR unter Erich Honecker (ab 1971) sollte ein „Realer Sozialismus" das Leben verbessern. Durch internationale Anerkennung und den KSZE-Prozess öffnete sich die DDR vorsichtig nach außen. Trotzdem blieben Reisefreiheit und politische Freiheit für die meisten DDR-Bürger unerreichbare Ferne.
Ein Jahrzehnt, das Deutschland formte
Die 1970er Jahre haben die Bundesrepublik Deutschland grundlegend verändert. Wirtschaftliche Krisen zwangen zum Umdenken, politische Erschütterungen stärkten letztlich den demokratischen Rechtsstaat, und gesellschaftliche Bewegungen legten den Grundstein für das liberalere Deutschland der folgenden Jahrzehnte.